Ich habe so viele Erinnerungen, die ich erzählen könnte, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Gleichzeitig fehlen mir so viele Erinnerungen, die ich nicht erzählen kann. Dies hat mindestens drei Gründe: Erstens vergisst man einfach wahnsinnig viel. Zweitens habe ich viele Dinge, von denen mir andere aus ihrer Kindheit erzählen, nicht gemacht. Sie fehlen mir also schlicht als Erlebnis, gibt also auch keine schöne Erinnerung ans Ereignis. So habe ich auf vieles, was mir erzählt wird, keine Antwort. Quasi kein Gegenstück. Drittens hat mein Hirn Erinnerungen, die es nicht aushlten kann, ‚gefressen‘. Ich habe es erlebt, mein Hirn weigert sich aber, die Erinnerung zuzulassen. Manchmal ist es scher für mich zu wissen, welcher der drei Fälle gerade im Vordergrund steht.
Meine Tochter hat mich gefragt, was ich zu Schulzeiten in meiner Brotdose hatte. Für die Zeit auf dem Gymnasium gilt: Ich hatte keine Brotdose. Ich hatte im Laufe des Tages Hunger, dies war ich gewöhnt, ich habe mich nicht gewundert. Doch was ist mit der Grundschulzeit? Warum kann ich mich für meine Grundschulzeit an keine verdammte Brotdose erinnern? An keine Klappstulle? An kein Brötchen? Äpfel gibt es in meiner Erinnerung, lose im Schulranzen. Sonst nix. Fällt dies unter Erstens, Zweitens oder Drittens?
Ich erinnere mich an müde Beine nach den langen Schultagen am Gymnasium. Aber nicht an die Erkenntnis, dass es daran liegen könnte, dass ich stundenlang nichts gegessen oder getrunken hatte. Also kämpfte ich mich erschöpft, kraftlos auf dem Fahrrad nach Hause. Ab Eintritt des 16. Lebensjahrs wurde das Busticket nicht mehr von öffentlicher Hand bezahlt und meine Eltern taten es auch nicht. Blieb nur das Fahrrad.
Wer sich jetzt wundert, warum ich dies alles so akzeptiert habe, mich nicht gewundert habe: Ich habe es nicht besser gewusst. Ich sah bei anderen Kindern Brotdosen, aber ich wusste nicht, dass auch ich eine Brotdose hätte haben können – wenn meine Eltern gewollt hätten.
Wenn ich zu Gymnasialzeiten Zuhause ankam, stand ein Teller mit Mittagessen in der Mikrowelle für mich bereit. Ich machte ihn mir warm und setzte mich damit an den Couchtisch. Ich tat dies, obwohl es so unbequem war, weil meine Mutter auf der Couch neben dem Tisch schlief. Ich klapperte mit Messer und Gabel, aber meist verschlief meine Mutter auch dies. Also räumte ich danach wieder auf und ging in mein Zimmer. Ich habe mich nie, nie, nie darüber gewundert, dass meine Mutter schläft, wenn ich nach Hause komme. Ich habe mich nie darüber gewundert, dass ich alleine das Brot frühstückte, das meine Mutter mir fertig geschmiert in mein Zimmer stellte und dann wieder ins Bett ging. Das war für mich normal.
Ich fand es zu Grundschulzeiten irre schlau von meiner Mutter, dass sie Weinbrand in die Cola schüttete, weil diese sonst zu süß war. Ein genialer Trick!
Wenn ich das geschriebene jetzt noch einmal lese, kann ich nicht glauben, dass es genau so gewesen ist. Es hätte jemandem auffallen müssen. Ich hatte als Kind in meinem Bett kein Kopfkissen, sondern ein riesiges Kuscheltier in Gestalt eines Delfins. Auf dem habe ich geschlafen. Ich würde ausflippen, wenn meine Tochter auf einem Kuscheltier schlafen würde. Ich würde ausflippen, wenn ich hörte, dass die Mutter einer Kita- oder Schulfreundin meiner Tochter Weinbrand in ihre Cola kippt. So Auto fährt. Aber ich habe mich nie gewundert, die Welt um mich herum auch nicht. Zu meiner Verteidigung: Ich war aber auch nur ein ‚Tropi‘, es also ohnehin nicht wert, irgendetwas in Frage zu stellen.