… meine Geschichte zu erzählen. Ich fühle mich wie eine Lügnerin, wenn ich über meine Kindheit und mein Elternhaus spreche. Die zu erzählenden Geschichten sorgen bei meinen Gegenüber meist für Bestürzung und ich fühle mich dann schlecht. Es ist egal, wann und wo ich von früher erzähle – die Reaktionen sind für mich schwer aushaltbar. Ich schäme mich, ich fühle mich als Lügnerin, ich möchte keine schlechten Gefühle verursachen. Ich habe mal auf einer Klassenfahrt in fröhlicher Runde was erzählt und mir war schlicht nicht bewusst, dass ich etwas ’schreckliches‘ erzähle. Für mich war es normal. Es gibt immer die Coolen in der Klasse oder dem Jahrgang und eben die anderen. Ich gehörte zu den anderen. Das war in Ordnung für mich, weil ich ja von Zuhause genau wusste: Ich bin nichts besonderes, nie genug, schlicht wertlos. An diesem Tag auf der Klassenfahrt weinte ein Mädchen, das zu den Coolen gehörte, als ich etwas von Zuhause erzählte. Ein cooles Mädchen! Ich habe mich so geschämt. Es tat mir so leid. Ich habe mir so gewünscht, ich hätte nichts erzählt.

Ich habe sowieso selten von Zuhause erzählt, aber irgendwann habe ich komplett aufgehört. Es ist ein bisschen, als würde man sich auflösen, wenn man nie etwas erzählt. Ich hörte irgendwie auf zu existieren. Wenn es zu schlimm für mich wurde, sagte ich in der Schule ‚Die machen Steffi-Püree aus mir‘, aber nichts passierte.
Warum auch? Nach außen war alles schick, wie es innen aussah, erzählte ich nicht. Ich glaube, alle dachten, es sei ein Witz von mir.

Während ich das jetzt schreibe, möchte ich mich einrollen und kann es kaum aushalten. Aber dafür ist so ein Blog vielleicht ganz gut: Ich kann so gequält gucken wie ich möchte und trotzdem meine Geschichte erzählen – ohne eine direkte Reaktion befürchten zu müssen.