2026

Wo anfangen

Ich habe so viele Erinnerungen, die ich erzählen könnte, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll. Gleichzeitig fehlen mir so viele Erinnerungen, die ich nicht erzählen kann. Dies hat mindestens drei Gründe: Erstens vergisst man einfach wahnsinnig viel. Zweitens habe ich viele Dinge, von denen mir andere aus ihrer Kindheit erzählen, nicht gemacht. Sie fehlen mir also schlicht als Erlebnis, gibt also auch keine schöne Erinnerung ans Ereignis. So habe ich auf vieles, was mir erzählt wird, keine Antwort. Quasi kein Gegenstück. Drittens hat mein Hirn Erinnerungen, die es nicht aushlten kann, ‚gefressen‘. Ich habe es erlebt, mein Hirn weigert sich aber, die Erinnerung zuzulassen. Manchmal ist es scher für mich zu wissen, welcher der drei Fälle gerade im Vordergrund steht.

Meine Tochter hat mich gefragt, was ich zu Schulzeiten in meiner Brotdose hatte. Für die Zeit auf dem Gymnasium gilt: Ich hatte keine Brotdose. Ich hatte im Laufe des Tages Hunger, dies war ich gewöhnt, ich habe mich nicht gewundert. Doch was ist mit der Grundschulzeit? Warum kann ich mich für meine Grundschulzeit an keine verdammte Brotdose erinnern? An keine Klappstulle? An kein Brötchen? Äpfel gibt es in meiner Erinnerung, lose im Schulranzen. Sonst nix. Fällt dies unter Erstens, Zweitens oder Drittens?

Ich erinnere mich an müde Beine nach den langen Schultagen am Gymnasium. Aber nicht an die Erkenntnis, dass es daran liegen könnte, dass ich stundenlang nichts gegessen oder getrunken hatte. Also kämpfte ich mich erschöpft, kraftlos auf dem Fahrrad nach Hause. Ab Eintritt des 16. Lebensjahrs wurde das Busticket nicht mehr von öffentlicher Hand bezahlt und meine Eltern taten es auch nicht. Blieb nur das Fahrrad.

Wer sich jetzt wundert, warum ich dies alles so akzeptiert habe, mich nicht gewundert habe: Ich habe es nicht besser gewusst. Ich sah bei anderen Kindern Brotdosen, aber ich wusste nicht, dass auch ich eine Brotdose hätte haben können – wenn meine Eltern gewollt hätten.

Wenn ich zu Gymnasialzeiten Zuhause ankam, stand ein Teller mit Mittagessen in der Mikrowelle für mich bereit. Ich machte ihn mir warm und setzte mich damit an den Couchtisch. Ich tat dies, obwohl es so unbequem war, weil meine Mutter auf der Couch neben dem Tisch schlief. Ich klapperte mit Messer und Gabel, aber meist verschlief meine Mutter auch dies. Also räumte ich danach wieder auf und ging in mein Zimmer. Ich habe mich nie, nie, nie darüber gewundert, dass meine Mutter schläft, wenn ich nach Hause komme. Ich habe mich nie darüber gewundert, dass ich alleine das Brot frühstückte, das meine Mutter mir fertig geschmiert in mein Zimmer stellte und dann wieder ins Bett ging. Das war für mich normal.
Ich fand es zu Grundschulzeiten irre schlau von meiner Mutter, dass sie Weinbrand in die Cola schüttete, weil diese sonst zu süß war. Ein genialer Trick!

Wenn ich das geschriebene jetzt noch einmal lese, kann ich nicht glauben, dass es genau so gewesen ist. Es hätte jemandem auffallen müssen. Ich hatte als Kind in meinem Bett kein Kopfkissen, sondern ein riesiges Kuscheltier in Gestalt eines Delfins. Auf dem habe ich geschlafen. Ich würde ausflippen, wenn meine Tochter auf einem Kuscheltier schlafen würde. Ich würde ausflippen, wenn ich hörte, dass die Mutter einer Kita- oder Schulfreundin meiner Tochter Weinbrand in ihre Cola kippt. So Auto fährt. Aber ich habe mich nie gewundert, die Welt um mich herum auch nicht. Zu meiner Verteidigung: Ich war aber auch nur ein ‚Tropi‘, es also ohnehin nicht wert, irgendetwas in Frage zu stellen.

Sind Gedanken, die man …

… beim Aufwachen hat, Tagträume? So zwischen schlafend und wach? Ich hatte vor ein paar Tagen einen Gedanken, den ich während des Aufwachens nicht losgeworden bin und der mich seitdem hin und wieder ‚erschreckt‘.

Ich hatte das Bild vor Augen, wie ich beim Katamaransegeln mit meinem Vater rückwärts vom Katamaran falle. Der Katamaran mit meinem Vater schnellt weiter, ich bin im Wasser, der Strand ist zu sehen, aber weit weg. Ich muss alleine zum Strand schwimmen, unter mir ist tiefes dunkles Wasser, dass mich in die Tiefe zu ziehen scheint. Der kommt nicht näher und ich bekomme Panik. Da endet dieser Gedanke, Tagtraum, oder was auch immer. Ich bin nie vom Katamaran gefallen. Aber ich hatte auch nie eine Schwimmweste. Ich war etwa acht bis zwölf Jahre als, als wir sonntags bei gutem Wetter an den Strand fuhren und ich, um meinem Vater zu gefallen, mit ihm mit dem Katamaran auf die Ostsee hinaus fuhr.

Ich hatte Todesangst. Die hatte ich eigentlich auch sonst fast immer. In der Nähe meiner Eltern hatte ich immer Angst. Aber diese Touren auf dem Katamaran – Hölle pur. Aber wenn ich nicht mitgesegelt wäre, hätte ich diese mini-kleine Chance, dass mein Vater stolz auf mich ist, auch noch vertan. Die Angst davor war scheinbar größer, als die Angst zu ertrinken. Und mein Vater? Der war womöglich sogar stolz auf mich. Aber wusste nicht, welchen Preis ich dafür bis heute bezahle. Von der Verantwortungslosigkeit, ein Kind ohne Schwimmweste auf eine Katamaran mitsegeln zulassen, mal ganz abgesehen.

Es fällt mir sehr schwer …

… meine Geschichte zu erzählen. Ich fühle mich wie eine Lügnerin, wenn ich über meine Kindheit und mein Elternhaus spreche. Die zu erzählenden Geschichten sorgen bei meinen Gegenüber meist für Bestürzung und ich fühle mich dann schlecht. Es ist egal, wann und wo ich von früher erzähle – die Reaktionen sind für mich schwer aushaltbar. Ich schäme mich, ich fühle mich als Lügnerin, ich möchte keine schlechten Gefühle verursachen. Ich habe mal auf einer Klassenfahrt in fröhlicher Runde was erzählt und mir war schlicht nicht bewusst, dass ich etwas ’schreckliches‘ erzähle. Für mich war es normal. Es gibt immer die Coolen in der Klasse oder dem Jahrgang und eben die anderen. Ich gehörte zu den anderen. Das war in Ordnung für mich, weil ich ja von Zuhause genau wusste: Ich bin nichts besonderes, nie genug, schlicht wertlos. An diesem Tag auf der Klassenfahrt weinte ein Mädchen, das zu den Coolen gehörte, als ich etwas von Zuhause erzählte. Ein cooles Mädchen! Ich habe mich so geschämt. Es tat mir so leid. Ich habe mir so gewünscht, ich hätte nichts erzählt.

Ich habe sowieso selten von Zuhause erzählt, aber irgendwann habe ich komplett aufgehört. Es ist ein bisschen, als würde man sich auflösen, wenn man nie etwas erzählt. Ich hörte irgendwie auf zu existieren. Wenn es zu schlimm für mich wurde, sagte ich in der Schule ‚Die machen Steffi-Püree aus mir‘, aber nichts passierte.
Warum auch? Nach außen war alles schick, wie es innen aussah, erzählte ich nicht. Ich glaube, alle dachten, es sei ein Witz von mir.

Während ich das jetzt schreibe, möchte ich mich einrollen und kann es kaum aushalten. Aber dafür ist so ein Blog vielleicht ganz gut: Ich kann so gequält gucken wie ich möchte und trotzdem meine Geschichte erzählen – ohne eine direkte Reaktion befürchten zu müssen.

Die Geschichte, die bis heute fehlt

Es gibt eine Geschichte, die ich gerne schreiben würde, es aber nicht kann. Es ist meine eigene Geschichte. Ich möchte keine Biographie über mein eigenes Leben schreiben, sondern über das, was mir passiert ist. In meiner Kindheit und Jugend. In der Zeit, in der ich im Haus meiner Eltern gelebt habe. Ich möchte aufschreiben, wie ich über Jahre schwer vernachlässigt und seelisch misshandelt wurde. Aber es geht nicht. Es tut zu weh, ich würde mich zu nackt fühlen. Ich müsste zu tief in meinen Gefühlen graben. Mein Verstand hat vieles, weil nicht aushaltbar, einfach verschluckt. Manchmal liege ich abends im Bett und versuche, mich an Dinge zu erinnern. Aber es funktioniert nicht. Was immer bleibt, ist die panische Angst vor meinen Eltern, die abwertenden Blicke, die Ablehnung.

Gleichzeitig möchte ich aber, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Ich möchte gesehen werden. Meine Verletzungen. Das Unrecht. Vielleicht schaffe ich es hier, hin und wieder ein klein wenig aus meiner Kindheit zu erzählen. Wer weiß. Ich möchte es versuchen.

Alles neu

Ende letzten Jahres wurde meine Website gehackt und es hat ziemlich lange gedauert, bis ich es geschafft habe, etwas Neues aufzusetzen. Aber nun ist es so weit!

So ganz perfekt finde ich das alles noch nicht, aber das wird sich schon noch alles zurecht ruckeln. Für heute muss ich an dieser Stelle Feierabend auch machen, denn im Verlag warten die nächsten Aufgaben auf mich. Aber bald geht es weiter!